Der Sturz des Phaethon oder die Anmassung alles beherrschen zu können

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Der Sturz des Phaethon oder die Anmassung alles beherrschen zu können

Zum antiken Mythos

Der Sturz des Phaethon, eine Erzählung aus den Metamorphosen, Verwandlungssagen, des Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.) ist eine Erzählung, in der es um die Hybris des Menschen geht – Selbstüberschätzung, Hochmut, Frevel. Phaethon, der Sohn des Sonnengottes Sol (gr. Helios), wächst ohne Vater auf und wird deshalb von seinen Altersgenossen verspottet. In ihm aber lebt das Bewusstsein, der Sohn eines Gottes zu sein. Um dies für sich selbst und in Hinsicht auf seine Spötter zu bestätigen, macht er sich auf und geht zum Palast seines Vaters am Rande der Erde. Der Sonnengott begrüßt ihn freudig und stellt ihm einen Wunsch frei – ein Motiv, das wir aus dem Märchen kennen.

Was kann ein junger Mensch sich wünschen? Was wird Phaethon sich von seinem Vater, dem Sonnengott, wünschen? Er „überlegt nicht lang“ – auch dies ein Märchenmotiv – und bittet spontan darum, einmal den Sonnenwagen fahren zu dürfen und diesen einen Tag lang über den Himmel zu lenken. Zwei Dinge gilt es bei diesem Wunsch zu verstehen, um die Tiefe des Mythos auszuloten:

  1. Warum wählt Phaethon gerade diesen Wunsch – zudem aus spontaner Intuition? 2. Inwiefern liegt in diesem Wunsch eine Selbstüberschätzung?

zu 1) Die Spontaneität der Intuition weist im Märchen darauf hin, dass es ein „lang gehegter“, innerlicher Wunsch ist, der den unbewussten Seelenschichten entspringt und oft aus Kindheitserlebnissen sich herleitet. Die Suche nach Anerkennung will im Äußeren etwas Grandioses, Einmaliges vorweisen können, eine Großtat und Heldentat, und sie braucht diese als Kompensation für den Mangel an innerem Selbstbewusstsein, der hier durch den als Erzieher fehlenden Vater mit bedingt ist.

Warum aber gerade dieser Wunsch? Neben dem Wunsch, so sein zu wollen wie sein Vater, dasselbe leisten zu können und ihm ebenbürtig zu sein, ist es wohl auch der „technische“ Aspekt, der den Sonnenwagen mit einer besonderen Aura umgibt, einem Nimbus des Rennwagens und Sportwagens. Phaethon will nicht einfach mal nur mit einem Pferdegespann fahren (~ Auto fahren), sondern er will die Geschwindigkeit auskosten, den Höhenrausch, er will durch den Äther rasen und dabei über aller Welt thronen. In den gleichsam technischen Mitteln eines solchen „Sonnenwagens“ liegt die Phaszination, die sich für ihn mit der gewünschten Fahrt verbindet; ein solches Gefährt verleiht das unbändige Gefühl der Macht. Das technische Äquivalent wäre heute eben der „Rennwagen“ – und welcher Jugendliche hätte nicht Bock darauf, einmal solch einen Schlitten zu steuern.

zu 2) Gerade in dem Steuern aber liegt das Problem. Phaethon kann den Wagen nicht steuern, er kann die „Pferdestärken“ nicht beherrschen, er wird ihrer schon bald nicht mehr Herr – und die wilden, glühenden Rosse des Sonnengottes merken das und gehen durch. Der Absturz ist also „vorprogrammiert“, in gewisser Weise unausweichlich, er ist die logische Konsequenz der Selbstüberschätzung (analog dem deutschen Sprichwort: „Hochmut kommt vor dem Fall!“). Der Vater, der erfahrene Lenker, weiß dies und sieht es voraus. Er versucht noch, den Sohn mit allen Mitteln von seinem Wunsch abzubringen, doch ist dieser keiner Vernunft mehr zugänglich; gegenüber der konkreten Wunscherfüllung, die so greifbar und verlockend vor Augen steht, sind die Kontrollmechanismen der Vernunft wirkungslos. Die impulsive Macht der hitzigen Triebe, die in den Sonnenpferden versinnbildlicht ist (vgl. den Platonischen Seelenwagen), bricht sich denn auch sehr schnell Bahn, sobald die Pferde die fehlende Lenkung bemerken.

Der Vater steht in gewisser Weise für die Bedenken des ÜberIch und er stellt zugleich auch eine Vater-Imago dar – das väterliche „Vorbild“, an dem sich der Heranwachsende orientiert und dem er nacheifert. Dies geschieht hier umso mehr, als der jugendliche Phaethon dieses Vorbild nicht konkret vor Augen hatte, es also nicht durch Erfahrungen relativieren konnte.

Mit dem Wort Hybris bezeichneten die Griechen eine spezielle Art der Schuld, die eine „Anmaßung“ darstellt und damit einen Verlust des Maßes, das nach einem Spruch eines der „Sieben Weisen“ (meden agān – nichts zu sehr, nichts im Übermaß) zu den Grundweisheiten der Antike gehört. Mit seinem Wunsch greift Phaethon in gewisser Weise „nach den Sternen“, will er „sein wie Gott“, will er die Machtfülle eines Gottes in den eigenen Händen halten und mit allen Sinnen verspüren. Gerade als junger Mensch, dem die Lebenserfahrung fehlt und der noch allzu naiv seinen Sehnsüchten folgt, erscheint Phaethon die Erfüllung seines Wunsches unproblematisch; er traut sich sozusagen alles zu, er hat noch kein „Grenzbewusstsein“ entwickelt und kann seine eigenen Kräfte noch gar nicht realistisch einschätzen.

Sein Handeln hat aber nicht nur für ihn Konsequenzen, sondern auch für die Ordnung des Kosmos, dessen Gefüge durcheinandergerät. Die unkontrolliert über den Himmel auf und ab rasenden Pferde bringen nicht nur den Zeitlauf durcheinander, sondern auch das Klima auf der Erdoberfläche. Schließlich sieht sich Jupiter gezwungen, die rasende Fahrt durch einen Blitz zu stoppen; dieser zerschmettert Lenker und Fahrzeug.

Der Klimawandel war natürlich noch nicht aus der Perspektive eines antiken Menschen erkennbar, wohl aber die Zerstörung der Welt durch Gier und Ausbeutung, wie sie im Vier-Zeitalter-Mythos und in der Erzählung vom Frevel des unersättlichen Erysichthon schon im Mythos präfiguriert war und vor allem von Ovid, wiederum in den Metamorphosen, entsprechend ausgestaltet wurde. Dennoch hat auch in der Phaethon-Erzählung das ausbrechende Chaos etwas mit der Hybris des Menschen zu tun, der in die höhere Ordnung des Kosmos frevelnd eingreift und diese nachhaltig stört.

Der Mythos von Phaethon weist bereits bei Ovid eine motivische Nähe zum Ikarus-Mythos auf, einem zweiten Flugmythos, der für Angerer d. Ä. eine besondere Bedeutung und Bewandnis hat; zu diesem Mythos hat er eine ganze Reihe von Bildern gemalt und es ist der Stoff, den er wohl am intensivsten durchdrungen hat.
Der Ikarus-Mythos teilt sich in der Rezeptionsgeschichte überwiegend auf zwei Aspekte auf: den Aufstieg und den Fall des Ikarus – und damit sein Streben nach Erkenntnis und sein Scheitern, seine Hybris und die unmittelbar erfolgende Strafe. Im Unterschied dazu löst der Phaethon-Mythos meist nur eine einzige Bildvorstellung aus, nämlich den Sturz des Phaethon, sein Scheitern. Dieser Aspekt ist in der klassischen Malerei immer wieder in hochdramatischer und sehr dynamischer Form ausgestaltet worden – ein ideales Sujet übrigens auch für Deckengemälde. In der klassischen Malerei, vor allem des Barock, fungiert der Mythos meist als moralische Warnung vor der Selbstüberheblichkeit des Menschen und will die Konsequenzen des Scheiterns vor Augen halten. Dazu nur ein paar Beispiele:

Phaethon Gemaelde

Peter Paul Rubens, um 1605 Jan Carel van Eyck, 1636-38 Gustave Moreau, 1678

Was Angerer d. Ä. offensichtlich in seinem künstlerischen Schaffen reizt, ist das „Phantastische“, dem er sich als Genre verschrieben hat. Aber dahinter liegt kein Manierismus, kein bloßes Nachahmen einer äußeren Masche, sondern eine Offenheit für die Quellen der Kunst und des Geistigen, die eben in der Phantasie-Begabung des Menschen liegen. Malen aus Phantasie und aus Faszination (~ Einbildungskraft) ist eher ein Weg als ein künstlerisches Mittel – in diesem Fall ein Lebensweg. Kunst entsteht dabei nicht – oder zumindest nicht in erster Linie – aus der Klarheit und Bewusstheit von Idee, Planung und Ausführung, sondern steigt eher hoch aus dem Traum, offenbart sich als innere Vision und drängt dann erst nach Gestaltung – in einem fließenden Prozess, der sich gleichsam automatisch steuert, der eben nicht zensiert, beobachtet, festgehalten oder festgestellt werden will. Auf diese Weise entsteht etwas, das dem Traum ähnlich ist – und dieser ist bekanntlich nach Freud „der Königsweg zum Unbewussten“.

Was lehrt die Erzählung von Phaethon? Man kann sie moralisch lesen und deuten, wie es vor allem das Mittelalter getan hat. Aber dann verpasst man den „eigentlichen“, den tieferen, psychologisch verankerten Sinn der Erzählung. An Phaethon lässt sich sozusagen idealtypisch ablesen, wie „Größenwahn“ entsteht und welche Konsequenzen er hat – nicht nur für den Einzelnen selbst, sondern für die Gesellschaft. Wir können es heute vielfach beobachten an Menschen wie Trump und Erdogan, Saddam Hussein und Konsorten. Immer wieder führt das mangelnde Selbstwertgefühl, teils verbunden mit Narzissmus, zu einer übersteigerten Sehnsucht nach Macht und Anerkennung und arbeitet nach außen hin ab, was im Inneren der Seele gelöst und beruhigt werden müsste.

In der Fahrt mit dem Sonnenwagen liegt aber auch eine tiefenpsychologische Symbolik, die des Strebens nach Erkenntis. Im platonischen Seelenwagen ist diese als „Triebkraft“ der Vernunft, als Streben des logos nach Höherem, bereits symbolisiert. Die Sonne selbst wird in Platons Philosophie, besonders im Höhlengleichnis in der Politeia (der Staat), zum Symbol der höchsten Erkenntnis und der geistigen Klarheit.

In den vielen Aspekten, Blickweisen, die der Mythos eröffnet, zeigt sich dessen generelle Ambivalenz, Zwiepältigkeit, oder besser: seine Mehrschichtigkeit und Bedeutungsoffenheit. Die Werke der bildenden Kunst, die solch einen Mythos aufgreifen und „rezipieren“ (lat. <in seiner Bedeutung> „neu erfassen“), tragen dazu bei, diese Ambivalenz und Vielschichtigkeit auszuloten. Sie sind, wie Hans Blumberg es genannt hat, Teil der gesellschaftlich notwendigen „Arbeit am Mythos“. Zu dieser Arbeit tragen die Künstler entscheidend bei.

Zur Deutung von Angerers „Sturz des Phaethon“

Im Zentrum des Bildes steht ganz die Katastrophe, die wie ein Weltenbrand (vgl. Ovid, Met. II 201-300) beinahe den ganzen Himmel und Teile der nächtlichen Erde umfasst. Der überhitzte, glühende Motor wirft flammendes Licht und Feuer und verbreitet es in seinem Sturz über die „Atmo|sphäre“, die Atemhülle der Erde. Aus dem „Wagen“, dem Symbol des Wagnisses, herausgeschleudert reckt Phaethon seine Arme haltlos nach oben wie in einem lautlosen Hilfeschrei in Richtung seines Vaters, des Sonnengottes. Sein Mund ist im Staunen über die unvermutete Plötzlichkeit der Katastrophe geöffnet, seine gerunzelte Stirn und die noch oben gerichteten Augen lassen Panik und Schmerz erkennen, vielleicht auch ein aufkeimendes Gefühl der Reue.

Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass Phaethon nach seinem Handy greift, das ihm aus der Hand geglitten ist. Möglicherweise gilt sein Blick eben dem Kommunikationsgerät – Ursache der Ablenkung und damit so vieler Unfälle am Steuer. Mit der Linken umklammert er noch das glühende Steuer, während Teile des sich auflösenden Autos an ihm vorbeizischen – oben ein Rad im kreiselnden Schwung, das einer Sonne gleicht, die aus der Bahn geworfen ist und sich in überschneller Rotation überhitzt hat.

Motorblock (unten rechts) und Getriebe (im Vordergrund) haben sich voneinander gelöst und stürzen nun ebenfalls glühend zu Boden, wie Meteoriten am nächtlichen Himmel. Unten erkennt man das Lichternetz der Straßen, dazwischen aufschlagend glühende Bruchstücke, die auf der Erde ausbrennen.
Wie eine Kathedrale wirkt dabei der Motorblock, den Angerer d. Ä. auch sonst wiederholt in seinen Bildern als Symbol verwendet und der in seinem Atelier steht. Er erinnert an einen mittelalterlichen Dom und steht so für das Aufwärtsstreben des Menschen, aber auch für sein Konstruktionsgeschick und seinen sowohl architektonischen als auch technischen Verstand.

Zu der grausamen Schnelligkeit der „Kata|strophe“ (gr. Umwendung, Wendepunkt) steht die lässige Kleidung des Phaethon im Gegensatz. Wie ein Dandy trägt er Cappy, Sonnenbrille und Goldkettchen, dazu einen schnittigen Rennanzug. Doch alle diese Assessoires eines lässigen Lebens sind nun aufgelöst und stehen teils selbst in Brand; im goldenen Feuerschein verglüht Phaethon, nur für einen Moment seinem Vater dem Wesen nach ähnlich.

Wofür steht nun der zitierte Mythos im Bild von Angerer d. Ä.? In erster Linie sind es die Haltlosigkeit und das Erstaunen in der Katastrophe, die von der Kurzsichtigkeit und der Selbstbezogenheit des Menschen künden, der die Folgen seines Tuns zu wenig überschaut, aber eben auch zu wenig bedenkt; der allzu sorglos und voller Übermut nach den Sternen greift; der das Wagnis seiner technischen Weltdominanz nicht zu kalkulieren vermag und der sich in naiver Euphorie selbst die Lenkung des Kosmos noch „zu|traut“ – oder auch „zu|mutet“.

Bei Ovid steht der Vater wiederum für die mahnende Vorsicht, für die „Bedenken“ des Voraussehenden. Er beschwört deshalb den Sohn, auf die Erfüllung seines Wunsches zu verzichten; denn zurücknehmen kann er ihn nicht, hatte er doch beim Styx geschworen. Mit welchen Worten versucht er nun, den naiven Jugendlichen von seinem Vorhaben abzubringen?

Non est tua tuta voluntas! Magna petis, Phaethon – et quae nec viribus istis munera conveniant nec tam puerilibus annis. Sors tua mortalis; non est mortale, quod optas. Plus etiam, quam quod superis contingere fas sit, nescius adfestas.

„Nicht ungefährlich ist dein Wille! Nach Großem strebst du, Phaethon – und nach Herausforderungen, die weder zu deinen Kräften noch zu deinem jugendlichen Alter passen. Dein Los ist sterblich; unsterblich ist das, was du dir wünschst. Mehr sogar, als selbst einem Gott zu erreichen erlaubt ist, willst du in deiner Unwissenheit ergreifen.“ (Ovid, Met II 53-58).

Und er fügt noch einmal, nach längerer Ermahnung hinzu:
Sed tu sapientius opta!“ – „Aber du, wähle deinen Wunsch doch weiser!“ (V. 102).

Deutlicher als mit diesen Worten und anschaulicher als der Mythos es tut kann man kaum ausdrücken und schildern, was menschliche Hybris bedeutet. Ihr Wesen liegt in dem „zu viel“, in der Grenzenlosigkeit des Willens und der „Selbst- zumutung“ – das, was wir im Deutschen als „Übermut“ bezeichnen.
Oben hatten wir schon das Wesen der Weisheit an dem Spruch eines der frühgriechischen Philosophen festmachen können: „meden agān!“ („Nichts zu sehr!“). Diese Mahnung fällt mit einer zweiten Grundweisheit der Antike in eins: „Gnothi sauton!“ („Erkenne dich selbst!“). Genauer heißt es: „Erkenne dich selbst darin, dass du sterblich bist!“ Wir können auch sagen: Erkenne deine eigenen Grenzen! Dieses Wort war auf dem Giebel des Apollontempel zu Delphi angebracht. Jeder, der vor ihm stand, war gezwungen aufzuschauen – symbolisch gesprochen: seinen Verstand zu benutzen –, um dieses Wort des Gottes zu vernehmen. Der Ort, an dem der Spruch angebracht war – Apollo ist ja der Gott der Weissagung! – , stellte also bereits in sich einen Appell dar, den Verstand auch anzuwenden. „Sapere aude!“ hat Kant später daraus gemacht – das Fanal der Aufklärung, der Leitspruch der Neuzeit.

Der Sonnengott, bei den Römern als Sol invictus verehrt („unbesiegt“ und „unbesiegbar“), vermag alles zu überblicken und ist von daher auch ein Symbol der Weisheit und der Voraussicht (V. 32: oculis …, quibus adspicit omnia – Augen, mit denen er alles erblickt). Nicht von ungefähr wird die Sonne, wiederum in der Aufklärungszeit, zum Symbol der höchsten Einsicht und des Verstandes. Sie leuchtet dem Menschen und weist ihm den Weg und die Zeit.

Doch es liegt in der Tragik des Menschen, dass es dem „allsehenden“ und vorauswissenden Gott nicht gelingt, seinen sterblichen Sohn zur Vernunft zu bringen. In seinem jugendlichen Übermut brennt dieser auf die Fahrt und ist keinem Argument mehr zugänglich. Ihm fehlt nicht nur die Erfahrung des Älteren, sondern auch der Wille, sich davon leiten zu lassen.

Wie in Goethes Parabel vom Zauberlehrling erfährt er alsbald die Grenzen seiner Kraft und seines Wissens, die Grenzen des „Fortschrittes“, dessen Energie ihn nun von alleine mit sich reißt, ohne dass er dessen Dynamik noch aufhalten könnte. Ovid kommentiert dies in einem auktorialen Einschub, dessen Sinn weit über den Kontext hinausweist:

Ipse pavet nec, qua commissas flectat habenas, nec scit, qua sit iter, nec, si sciat, imperet illis.

Da gerät er in Furcht und er weiß nicht, wie er die geliehenen Zügel noch halten soll, und auch nicht, wo es langgeht – und selbst wenn er es wüsste, so weiß er doch nicht, wie er die Pferde beherrschen kann.

(V. 169 f.).

Wenn Ovid dann die Reaktion des Phaethon beschreibt, so erfolgt auch dies in einer zeitübergreifenden, allgemein-menschlichen, also existenziellen Bedeutung. Die poetisch verdichtete Wahrheit verkündet hier, mit den Worten Nietzsches, etwas „Menschliches, Allzumenschliches“:

  1. S.:

Sunt oculis tenebrae per tantum lumen obortae.
Da ist ihm bei all dem Licht Dunkelheit vor Augen aufgegangen. (V. 181).

Dass Angerer ein älteres Automodell mit offenem Zeltverdeck gewählt hat, wird wohl nicht eine Reminiszinz an das Alter des Mythos sein und soll wohl auch nicht – rein sachlogisch – ein Herausstürzen des Phaethon plausibel machen, sondern ist ein Hinweis auf die Geschichte des Automobils. Als „Phaeton“ bezeichnete man anfangs eine Karosseriebauform – den offenen, kutschenartigen Aufbau der frühen Automobile, die ihr Aussehen noch den Kutschen entlehnten. Alte Phaeton KutscheSo unterschied man den „Phaeton“ (2-Sitzer) vom „Doppel-Phaeton“ (4-Sitzer), später sogar „Triple-Phaeton“ (6-Sitzer). Gebaut wurden solche Automobile von allem von 1910-1920.VW hat mit seinem Modell „Phaeton“ (Baujahr 2002-2016) an diese Urform des Autos erinnert.

Rudolf Henneböhl (Bad Driburg)

 

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