entstanden zum 100.geburtstag von salvador dali

Atelierbesuch bei Angerer der Ältere mit Ateliergespräch – Art u. Graphic Magazine

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Atelierbesuch bei Angerer der Ältere mit Ateliergespräch – Art u. Graphic Magazine

Martina und Siegfried Hochstein führten das Ateliergespräch mit dem Künstler Angerer der Ältere bei ihrem Atelierbesuch. Das bundesweit bekannte Art & Graphic Magazin berichtet über ausgewählte Sonderthemen, Künstlermaterial, Kunst- und Gestaltungstherapien, Buchvorstellungen und über die weltweit bekannte Faber-Castell Akademie.

Im Atelier von Angerer dem Älteren

Ich vergesse die Natur nicht, denn sie ist Gottes Schöpfung.

Die Einfahrt zum Bauernhof finden wir gleich neben der kleinen Kapelle. Die Sonne begrüßt uns an diesem Morgen ebenso freundlich wie Margit Angerer, mit der wir den Termin für das Interview verabredet haben. Innen im Haus wärmt ein alter Kachelofen, und wir sind freudig gespannt auf das Gespräch mit Angerer dem Älteren, der uns zu einem Rundgang durch sein Haus einlädt.

BILD Skizze Kapelle

Angerer der Ältere: Das ist die Uridee von meiner Kapelle, die Lichtkuppel, die durch ihre Schräge diese kosmische Ausrichtung erfährt. Wir haben die wirklich göttliche Kuppel über uns, den Himmel, dann das seitliche Fenster, das ist Morgenlicht und Abendlicht. Aber die Schräge ist das Erlebnis, das wir vielleicht haben, wenn wir im Flugzeug sitzen. Und da ist mir auch diese Idee gekommen: Man sitzt in einer Röhre und steigt nach oben, das ist ein Erlebnis, das früher noch nie jemand gehabt hat. Das hat mich so fasziniert, als da die Tür vom Cockpit aufging, und wir flogen in der Früh gegen Osten. Da kam der Lichtstrahl in das Flugzeug, und seine Wirkung war unglaublich faszinierend. Davon habe ich mich inspirieren lassen.

BILDER Erlöserkapelle

BILD Katze auf Billardtisch

Angerer der Ältere: Die Katze auf dem Billardtisch ist surreal, sehr magisch. Sie sitzt dort wie eine Königin. Wenn ich Billard spiele, sitzt die Katze auf dem Billardtisch und schaut wie gepannt zu, greift aber nicht ein.

BILD Reise zum Elfenbeinturm

Herr Angerer, Sie haben die künstlerische Ausstattung des Films ‚Die unendliche Geschichte II’ mit Ihrem Freund Michael Ende verwirklicht.

Angerer der Ältere: Ja, meine Ideen sind tatsächlich so gebaut worden. Da gibt es im Film eine Nachtaufnahme von dieser großen Spinne in der die böse, aber sehr schöne Zauberin sitzt. Die meisten meiner Original-Bilder für die Unendliche Geschichte hängen in Los Angeles in den Chefetagen des Filmstudios.

Als Gründungsmitglied der Europäischen Bewegung ’Dalis Erben’ haben Sie sich dem geistigen Erbe Dalis verpflichtet.

Angerer der Ältere: Dalis weiche Uhr, eine solch großartige und einmalige Idee. Auch meine Bilder entstehen aus der Fantasie und den Träumen. Solche Bilder wiederholen sich nicht, und jeder hat andere Träume, andere Fantasien und wird von anderen Dingen geplagt oder erfreut. Das Thema in der Fantastischen Kunst, die es ja schon immer gab, die Werke von Hieronymus Bosch oder Leonardo da Vinci, auch die von Michelangelo, das alles war bereits Fantastische Kunst oder Manieristische Kunst.

BILD Hommage á Dali

Ich möchte diesen Kopf gerne einmal in Bronze dreidimensional umsetzen. Man muss dazu eine Haut gießen und dann all diese Öffnungen herausschneiden, dann kann man durchschauen. Ich möchte den Kopf innen blau anmalen und außen gold- oder bronzefarben und dann von unten mit Licht anstrahlen. Eine große Herausforderung, die ich mit der Gießerei verwirklichen will, gemeinsam entwickeln möchte.

BILD Abenstal 32

Wie aus einer anderen Welt, nämlich der sehr realen Welt, begrüßt uns hier ein Aquarell mit Schneeglöckchen.

Angerer der Ältere: Man muss das auch immer wieder machen, Landschaftsstudien wie diese Schneeglöckchen entstehen bei meinen täglichen Spaziergängen. Ich mache das gerne, damit ich die Natur nicht vergesse, die feinen Strukturen, dass man nicht nur oberflächlich malt, sondern hinter die Geheimnisse kommt, in diesem Fall hinter das Geheimnis des Schnees. Das hat ja nichts mit dem Wahn zu tun, genau zu sein, sondern das Geheimnis eröffnet sich in allem immer nur dann, wenn man genauer hinschaut, wenn man sich ganz intensiv mit einer Sache beschäftigt. Ich kann so in eine völlig andere Welt eintauchen, wenn ich zum Beispiel beim Spaziergang einem Hasen begegne. Das sind die täglichen Lockerungsübungen. Ich vergesse die Natur nicht, denn sie ist Gottes Schöpfung.

Mir fällt hier bei unserem Rundgang durch Ihr Haus auf, dass Ihre Bilder in sehr opulenten Rahmen präsentiert sind.

Angerer der Ältere: Ein abstraktes Bild braucht keinen Rahmen, weil es da keine Innenwelt gibt. Das ist wie ein Dekorationsstück, das als Farbklecks durchaus gut aussehen kann. Aber es ist keine Welt, die dargestellt wird, sondern ein dekorativer Punkt in einem Raum. Während hier, bei den fantastischen Bildern die Abgrenzung da sein muss, von einer Innenwelt zu einer Außenwelt. Deshalb lege ich auch immer großen Wert auf breite Rahmen und viele Abstufungen durch Passepartouts. Damit man leichter wieder in die andere Welt findet, muss diese Abgrenzung da sein.

Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre Arbeitsweise?

Angerer der Ältere: Ich arbeite zunächst einmal jedes Bild skizzenmäßig etwa im Format DIN A4 vor. Danach erarbeite ich mir eine Figur nach der anderen im Einzelnen und platziere sie dann, alles auf der Basis der Skizze. Dabei wird natürlich das ein oder andere wieder mal verändert, aber ich erarbeite erstmal eine gesamte Zeichnung auf weißem Karton. Es fängt aquarellmäßig an mit flüssigen Farben. Danach taste ich mich über das Aquarell langsam hinein, und dann arbeite ich weiter in Lasuren, immer tiefer. Dadurch bekomme ich Farbschattierungen hin, die fast nicht malbar sind. Meine Kunst ist die Kunst der Alten Meister, eine Technik, die heute nicht mehr gelehrt wird. Ich bilde mir ein, dass es die Kunst der Künste ist, die Kunst als Wissenschaft oder die Wissenschaft als Kunst. Meine Kunst passiert auf Basis dieser alten Malerei. Das Malen macht unheimlich viel Spaß, weil ich es aus der Zeichnung heraus entwickle und die Zeichnung immer mehr verdichte, so dass es immer mehr und mehr zum Gemälde wird. Dies ist hochkünstlerisch, ganz anders als bei der Mischtechnik. Ich arbeite völlig frei, ich wische auch mal weg. Wenn ich eine bestimmte Schicht erreicht habe, gehe ich mit einem Hauch Fixativ darüber. Ich benutze auch Airbrush und wische Teile der Farbe mit Tüchern, Schwämmen oder feiner Stahlwolle wieder weg. Dadurch entsteht eine gewisse Unregelmäßigkeit. Der so bearbeitete Untergrund spielt eine große Rolle, es entsteht eine unglaubliche Farbqualtität, die man sich nicht ermalen kann. Diese Technik der Lasurmalerei geht leider verloren, weil sie nicht mehr gelehrt wird. Ich habe diese Technik der Alten Meister umgesetzt auf eine moderne Art, auch über Kunststofffarben. Ich glaube, dass man mit dieser Art der Malerei Geheimnissen auf die Spur kommt, die man durch die Mischtechnik nicht erreichen kann. Wobei ich die Mischtechnik nicht abwerten will, sie hat durchaus ihren Reiz. Ich benutze sie teilweise auch zum Draufsetzen von Lichtpunkten. Oder ich male dünnste Linien mit der Feder und von mir selber gemischten Farben.

Was macht die Künstlergeneration, die jetzt heranwächst, wenn die Technik der Alten Meister nicht mehr gelehrt wird?

Angerer der Ältere: Ich habe ein Exposee verfasst, ich möchte eine Schule gründen, in der wirklich die fast tausendjährige Tradition des Handwerks der gegenständlichen Malerei ernsthaft gelehrt wird:

Die Akademie der schönbildenden Künste. Eine unabhängige Schule zum Erhalt und zur Wiederbelebung großer Kunst, aufbauend auf unserer reichen Tradition. Für junge Menschen, die sich unangesteckt von der zerstörerischen Kulturszene und den medialen Blitzlichtern des Modernismus entwickeln können.

Was stört Sie an den heutigen, aktuellen Kunstströmungen?

Angerer der Ältere: Heute muss gegenständliche Kunst ja schon eher negativ sein und etwas depressiv. Mittlerweile lehrt man an den staatlichen Akademien auch wieder gegenständliche Kunst, aber so wie ich die gegenständliche Kunst als Handwerk verstehe, ist dies eher ein spezifisches Leichtgewicht. Was ich mache, im Kreis Dalis Erben, braucht als Voraussetzung handwerkliche Perfektion und nicht diese Thematik, die heute im Allgemeinen fast inquisitorisch vorgegeben ist. Es muss ein bisschen negativ sein, wenn ich jemanden darstelle. Es muss so aussehen, als wenn er schon vier Wochen in der Grube gelegen hat. Es muss zeitkritisch sein, es darf nichts Schönes sein, dieser banale Realismus und nicht die Welt der Fantasie.

BILD Adonis genetisch verändert

Ein sehr merkwürdiges, sich drehendes Bild.

Angerer der Ältere: Dieses Bild dreht sich und zeigt uns Metamorphosen, führt uns unsere Sehgewohnheiten vor. Zum einen eine fürchterlich entstellte und traurige Erscheinung und in einer anderen Position sehr schön. Das heißt, wir leben von unseren Gewohnheiten. Die menschliche Schönheit ist wahrscheinlich eher eine Gewohnheitssache. Im Gegensatz zum Kristallinen einer Blume, ihrer Regelmäßigkeit. Das dürfte wahrscheinlich eher die wertfreie Schönheit sein.

Was hat es mit Ihrem Namen auf sich: Angerer der Ältere?

Angerer der Ältere: Das hat mehrere Gründe. Mein jüngerer Bruder hatte zunächst auch in dieser Richtung gearbeitet wie ich, und für die Leute gab es immer nur einen Angerer. Den Älteren und den Jüngeren konnten sie auseinander halten. Die Leute sind auch neugierig, was es mit dem Jüngeren und dem Älteren auf sich hat. Es ist gewissermaßen ein Reizwort, und das merkt man sich. Und natürlich ist es eine Referenz an die Alten Meister, die ich so sehr achte.

Was treibt Sie als Künstler?

Angerer der Ältere: Das hab ich mich auch schon oft gefragt, ich weiß es nicht. Ich konnte als Kind kein weißes Blatt Papier sehen, ich musste einfach was draufsetzen. Wahrscheinlich ist es etwas in einem selbst, sich zu dokumentieren. Auch frage ich mich, warum es im Allgemeinen Männer sind, die so kreativ besessen arbeiten? Warum nicht die Frauen? Obwohl ich ohne das Interesse der Frauen nicht existieren könnte. Das Erstaunliche ist, dass es die Frauen sind, die die Kunst lieben, die soviel dafür tun. Aber derjenige, der die Kunst wie besessen macht, sind meistens Männer. Vielleicht, weil wir Männer nicht so perfekte Wesen sind wie die Frauen? Die wirklichen, namhaften Künstlerinnen waren oft sehr männliche Frauen wie z.B. die Käthe Kollwitz. Ich glaube überhaupt, dass Künstler, ob Mann oder Frau, immer Randpositionen einnehmen, vielleicht aus irgendeinem Mangel heraus. Vieles, was ich male, sind erzählende Bilder und mein Freund Michael Ende sagte zu mir, schreib sie doch mal auf. Und so sind Märchen daraus geworden wie “Ein verlorener Traum“.

Wo positionieren Sie sich als Künstler in Bezug auf Ihre ‚Kollegen’?

Angerer der Ältere: Ich habe mal gewagt zu sagen, wenn ich in den Reihen der ganz großen Meister eine winzig kleine Rolle spielen könnte, dann wäre ich sehr stolz. Aber gegenüber einem Beuys oder Kandinsky bin ich ein Gigant. Beuys war, wenn er geredet hat ein Kunstwerk für sich. Seiner Aussage ‚Jeder Mensch sei ein Künstler’ hat Michael Ende entgegengehalten, dass zwar jeder Mensch in gewisser Weise Künstler sein kann, er dadurch aber noch lange nicht zur Leistung von Ästhetik in der Lage sei. Und Kandinsky hat sich wirklich schwer getan, bevor er abstrakt geworden ist. Wenn man späte Bilder von Turner nur oberflächlich betrachtet, meint man, sie waren schon sehr abstrahiert. Aber er hat diese Grenze nie überschritten. Vielleicht muss man eine Grenze überschreiten, so wie Christo es getan hat. Ich war damals in Paris, als er Pont Neuf verhüllt hat. Und das hatte durchaus eine Faszination, aber man war froh, als man die Brücke wieder gesehen hat wie sie vorher war. Aber man hat sie neu gesehen, es schaffte den Blick neu.

Sie haben Architektur studiert und als Architekt sehr erfolgreich gearbeitet. Wann drängte es Sie, Maler zu werden?

Angerer der Ältere: Ich habe aufgehört, Architektur zu machen, als es in den Ausschreibungen den Punkt ‚Schönheit’ nicht mehr gab. Alle fragten nur nach Funktionalität. Ich habe viele Architekturwettbewerbe gewonnen, aber dadurch, dass man sich von der Natur abwendet, hat man die Beziehung dazu verloren und dadurch sind wir in einer ernsthaften Krise. Bevor ich Architektur studiert habe war ich schon Maler. Ich gehöre ja auch zu der Sorte Künstler, die nicht deshalb Künstler geworden sind, weil sie für alles andere nicht getaugt haben. Ich wollte erst gar kein Künstler werden, weil die Künstler, die ich in meiner Schulzeit erlebt habe irgendwelche Dummköpfe waren. Ich war gut in Mathematik, und nach zwei Monaten Elektroingenieur-Studium habe ich gewechselt in die Architektur. Ich habe die Illusion gehabt, ich könnte als Architekt Kunst machen, musste aber dann einsehen, dass das zu meiner Zeit nicht möglich ist. Ich habe die Malerei in meinen Jahren als Architekt fast ganz aufgegeben, bis ich in die Akademie der Bildenden Künste gegangen bin. Doch dort wurde ich enttäuscht, es war die Zeit der Pop-Art. Ich aber liebte den Romantiker Caspar David Friedrich, dessen Werke an der Akademie als Kitsch abgetan wurden. Erst mit der Beschäftigung von Dali und Fuchs habe ich gemerkt, dass da ja ein Weg ist, indem man seinen Träumen und der Fantasie nachgeht. Ein nie endendes Spektrum, in dem es keine Wiederholungen gibt. Das war ein völliger Neuanfang im Kontrast zu der Architektur. Und ich hatte das Glück, diesen Weg des Künstlers gehen zu können. Denn es ist ein schöner Weg, obwohl es kein leichter ist. Ich bin Gott dankbar, dass er mir diese Gabe gegeben hat, weil es ein freies und unabhängiges Leben ist mit viel Freude.

Sie malen, schreiben, gestalten, sind im positiven Sinn besessen von Ihrem Tun.

Angerer der Ältere: Ich sehe mich gar nicht als echt kreativ schöpferischen Menschen, sondern ich bin ein Nachschöpfer. Was ich mache in meiner Kunst ist ein Zurückerinnern an die Schöpfung Gottes, das tief in mir haftet. Ich zeige einfach dieses Schöne in einem Rückerinnerungsakt, wie ein Schatzgräber, der gräbt und findet, aber es selber nicht ist.

Angerer der Ältere

1938 geboren in Bad Reichenhall

1957-1961 Architekturstudium in München

1961-1966 Akademie der Bildenden Künste bei Prof. Ruf

1967-1975 Entwurfsarchitekt bei Alexander von Branca

seit 1975 freier Architekt, Kunstmaler, Bildhauer und Schriftsteller

Bildunterschrift ‚Das Bundeskartenhaus’

Wenn man unser Bundeskanzleramt anschaut, hat man den Eindruck, es ist wie ein Kartenhaus und könnte jeden Augenblick zusammenklappen. Man weiß nicht, wo sind Säulen und Wände, man begreift diese Gebäude nicht. Es ist unbegreifbar, irritierend, so wie die Politik auch. Zephire blasen nur einen leichten Frühlingshauch und schon fliegen die Karten weg, voran die ‚Geldsau’.

Martina Hochstein

Biburg, April 2006

Art und Graphic Magazin Nr. 15

 

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